Gregor und ich haben unser zweites gemeinsames Weihnachtsfest hinter uns und die Gefühle mit denen wir hinein und hinaus gegangen sind, könnten gemischter nicht sein. Wir sind beide weder christlich noch konsumgesteuert. Was bleibt für uns also übrig von unserem modernen Weihnachtsfest?
Dieses Fest transportiert so viel Zwiespältigkeit. Wir gehen brav in die Kirche, wollen aber niemanden an unserer heiligen Tafel sitzen haben, ob einsam oder nicht. Wir überhäufen uns mit Gaben und selbst die Jüngsten fangen schon an sich dabei zu überschulden. Der Geschenkedruck ist so hoch, das Teenager ein vielfaches ihres Taschengeldes dafür ausgeben. Wir wollen unseren Liebsten eine Freude machen, vergessen aber wie viel Leid auf dieser Welt hinter einem Smartphone, konventioneller Kleidung oder unfairer Schokolade steckt. Billiger Plastikschmuck und leuchtende Accessoires zieren unsere Wohnung und unsere Vorgärten, die so schnell kaputt gehen, wie sie gekauft wurden. Der Stromverbrauch der Lichterketten steigt ins unermessliche und hektarweise Monokulturen an Weihnachtsbäumen werden gerodet, um zwei Wochen später weggeschmissen und vergessen zu werden.

Was bleibt unterm Strich

Wenn es nach Gregor ginge würden wir an dem ganzen Wahnsinn nicht teilnehmen und die Tage nutzen, um endlich mal in Ruhe arbeiten zu können. Ich aber will es einfach nicht loslassen, das Weihnachtsfest. Für mich noch eine tiefere Bedeutung, vergraben unter all den Geschenkebergen, unter all dem Konsumstress in der Vorweihnachtszeit und all der christlichen Ambivalenz. Für mich war es immer ein Fest der Familie und Freunde, des Zusammenkommens und des Zeit miteinander Verbringens. Zeit für einander, die uns im normalen Alltag immer mehr verloren geht. Und so gebe ich nicht auf, dass wir uns ein Weihnachten erschaffen, wie wir es uns vorstellen. Und wir nähern uns immer mehr dieser Vorstellung.

Wenn es nichts wird aus der Familienzusammenkunft, kann es trotzdem ein Weihnachten geben? Darf es nur die Familie sein? Wieso nehmen wir nicht auch Freunde, Bekannte oder Bedürftige auf, die an diesem Tag nichts festliches haben. So feierte ein Freund seinen Heiligen Abend mit 3 Freunden, die ebenfalls ohne Familie da standen und luden dazu noch 3 Flüchtlinge. Ist das nicht die wahre Nächstenliebe von der immer gesprochen wird?! Wenn es um Besinnlichkeit geht, wieso laden wir nicht direkt Menschen ein, mit denen wir so eine Besinnlichkeit auch fühlen können, statt zwanghafter Familienfeste ohne Zugangsberechtigung von außerhalb?

Wer nimmt teil?

So waren wir am Heiligen Abend ZWL_Gutscheine_1000wieder einmal alleine. Erst machte es mich traurig, so ganz ohne Besuch oder Besuchen. Letztendlich kam ich aber noch rechtzeitig zur Ruhe und genoss einen wunderschönen Tag und Abend mit Gregor an dem wir uns ganz bewusst Zeit für einander nahmen, die Computer nicht ansahen, die Gutscheine für die Kinder bastelten und ein Festmahl nach unserem Geschmack kochten. Wir schafften uns unsere eigene Besinnlichkeit und von Einsamkeit war keine Spur.

Gregors Kinder haben sich schon lange dafür entschieden ihr gewohntes Weihnachten bei der Mutter zu verbringen.
Dort ist alles so wie sie es von klein auf kennengelernt haben und bei all den Veränderungen, die sie bei uns mitmachen, ist ihnen ihr Wunsch nach Altbekanntem nicht zu verübeln. Sie kamen uns besuchen, wir frühstückten ausgiebig und hörten uns ganz brav (aber nur mit einem Ohr) an, wer alles, was alles von wem geschenkt bekam und wer wem was schenkte und wie glücklich alle daraufhin jetzt sind. Unser Tag sollte jedoch anders aussehen. Das wiederholte drängen auf Bescherung am Esstisch drosselte ich barsch mit einem “Dein Hauptgeschenk kennst du schon und alles andere ist nichts, was du dir gewünscht hast.” Tatsächlich gab es auch bei uns Geschenke für die Kinder. Wohl vielmehr aber weil sie um die Weihnachtstage auch Geburtstag haben und so geht die Schenkerei ineinander über. Glücklicherweise teilten uns alle drei Kinder schon lange im Voraus mit, was sie unbedingt gerne mal (wieder) machen würden und so waren die Gutscheine schnell gebastelt. Die Geschenke zum Auspacken enthielten Kleinigkeiten aus Büchern und wiederverwendbaren Eisformen.

ZWL_Geschenke_Weihnachtsbaum_1000Im Gegensatz zum letzten Jahr, wurden wir dieses mal aber enttarnt. , Welche Bedeutung diese Erkenntnis für sie hatte, weiß ich leider nicht, wir trugen es aber mit Stolz. Denn genau das entspricht unserem tiefsten Glauben. Alles was wir kaufen, versuchen wir gebraucht zu ergattern, um den Dingen eine möglichst lange Lebensdauer zu geben. Warum sollte es bei Geschenken anders sein. Für den, der es bekommt ist es trotzdem NEU! Eine kleine Widmung im Buch, macht es doch nur einzigartiger. Und natürlich werden die Geschenke in Stoff verpackt, den kein noch so euphorisches Kind kaputt gerissen bekommt und der so immer wieder verwendet werden kann.

Die Bescherung war also schnell rum und der Rest des Tages wurde zusammen musiziert, gespielt und Waffeln gegessen. Wir nahmen uns den ganzen Tag frei und konzentrierten uns nur auf die Kleinen. Etwas was sie im Alltag nur allzu selten von uns bekommen, wenn wir mal wieder in unserer Erwerbs- und nicht-Erwerbsarbeit untergehen. Kann es in unser heutigen Zeit ein wertvolleres Geschenk geben?! Wer hat schon noch Zeit einen ganzen Tag lang nichts “produktives” zu machen.

Geht es auch ohne Geschenke?

Neben all den Geschenken, die in unserer Umgebung verteilt wurden, wurde unsere Wunsch erstaunlich respektiert, uns nichts Materielles zu schenken. Ein Zustand der bei weitem nicht leicht zu erreichen ist. Die Absprachen untereinander kennt fast jeder, wenn es heißt “lass uns dieses Jahr mal nichts schenken”. Und fast jeder kennt auch was es bedeuten kann, sich nichts zu schenken. Einer kommt doch wieder mit einer Kleinigkeit an, denn ganz ohne geht es ja auch nicht. So wird sich weiterhin der Kopf zerbrochen, was man anschaffen soll und was das Gegenüber wohl anschafft, um ja in nichts nach zu stehen. Und an dem Punkt wird das klassische Weihnachtsfest zum Stress für uns alle.

Die Kinder haben uns respektiert und lediglich zwei selbstgebastelte Lesezeichen unter den “Baum” gelegt. Die Großeltern konnten es aber auch in diesem Jahr nicht ganz sein lassen. Und so wurden uns Schaumwein und Pralinen vor die Nase gestellt. Wer diesen tiefsitzenden Drang danach, etwas zu schenken austreiben will, schafft das nur mit drastischen Mitteln. Konsequent selbst nichts zu verschenken ist nur die eine Seite. Ich habe also meine Pralinen (einzeln verpackt und in Hartplastikschale drapiert) stehen lassen. Ich nehme meine Großeltern dann ganz fest in den Arm und sage ihnen, dass ich das alles nicht mehr möchte, dass ich sie trotzdem unglaublich lieb habe, weiß dass auch sie mich lieb haben und dass das schönste Geschenk was sie mir machen können, ein Beisammen kommen wie dieses ist.

Weihnachtsschmuck

Auch auf Lichterketten und Weihnachtsbäume möchte ich weiterhin ZWL_Altpapiersterne_1000nicht verzichten. Unser Weihnachtsbaum wurde aber ebenfalls enttarnt, als gar kein richtiger Baum. Es stimmt, einen ganzen Baum wollte ich nicht enthaupten und schnitt lediglich ein paar grüne Zweige ab. Unseren Weihnachtsstrauch schmücke ich jedes Jahr mit immer dem selben Lametta und den drei Christbaumkugeln, die ich damals bei meinem Auszug von zu Hause mitnahm. Der restliche Schmuck wird jedes Jahr kreativer. Aus Altpapier werden Sterne gefaltet, aus Orangenschalen Sterne und Rentiere ausgestochen und rote Schleifen geben den letzten Farbtupfer. Die Stromsparende LED-Lichterkette erstand ich gebraucht. Für mich ein perfekter minimalistischer Weihnachtsbaum.

Wir machen große Fortschritte auf dem Weg zu einem Weihnachten, wie wir es uns vorstellen. Ohne Stress, ohne Zwang, ohne Konsumdruck, dafür mit viel Zeit und den Menschen, die wir lieben.