Diese Woche gibt es hier keinen  Artikel, denn ich bin fremdgegangen. Viele von euch haben es schon mitbekommen. Ich habe einen Artikel für die Brigitte Online verfasst. „Ein Tag in meinem Leben ohne Müll“. Schaut doch einfach mal rein. Besonders spannend finde ich auch die Kommentare, denn sie stehen stellvertretend für das, was viele denken. Deshalb möchte ich mir die Zeit nehmen, darauf im Einzelnen einzugehen:

Ich habe in meinem Artikel beispielsweise an keiner Stelle erwähnt, ich wäre der Meinung, dass alle Leser mein Leben nachmachen sollten. Und trotzdem ist die erste Reaktion eine Verteidigungshaltung, eine Reaktion, die ich auch Offline häufig bemerke.

Das lässt mich zu dem Schluss kommen, dass viele von uns ein tief vergrabenes schlechtes Gewissen mit sich tragen. Das Gefühl dafür wie absonderlich wir uns benehmen und wie unnatürlich unser Verhalten geworden ist, lässt sich mit ein paar neuen Schuhen zwar super verdrängen, aber irgendwo schlummert es doch. Horcht mal in euch hinein und lasst es frei, es ist ein tolles Gefühl.

Gleichzeitig kam der Einwand, den ich auch unter Bekannten immer wieder hören: Toll, dass du das machst, aber für mich wäre das nichts, dieser Verzicht, zu viel Einschränkungen.

Legt man nur all jene Dinge auf den Tisch, die ich nicht mehr konsumiere(n kann), ist dieser erste Eindruck verständlich. Es ist nicht leicht sich in mein Leben einzufühlen. Wenn man es erst einmal so weit geschafft, hat es aber alles andere als einen Verzichtscharakter. Ganz im Gegenteil. Ich merke, welche Dinge mir wirklich wichtig sind und beschränke mich auf diese. Ich merke, dass mich Gegenstände nicht mit Glück erfüllen und kann mir die Zeit nehmen, herauszufinden, was es stattdessen tut. Ich lebe viel gesünder, weil alle Fertigprodukte für mich schon wegen ihrer Verpackung wegfallen und fühle mich deshalb auch körperlich wohler. Die Qual der Wahl am Supermarktregal gibt es nicht mehr. Und vor allem habe ich das, was heute den wahren Luxus ausmacht: Zeit. Zeit für Dinge, die mir wirklich Freude bereiten. Nein, mein Leben ist nicht von Verzicht geprägt. Ich verzichte nicht auf all den Kram, ich will ihn gar nicht mehr haben. Sich von materiellen Wünschen abzuwenden, ist wie Ballast abwerfen. Ich fühle mich leichter und freier.

Wo wir auch schon beim nächsten Punkt wären. „Ich habe keine Zeit fürs backen und selber machen“:

Sein Leben zu belassen wie es ist und nach einem zehn stündigen Arbeitstag noch anzufangen Tofu zu pressen, würde auch mich überfordern.
Konzentriert euch nicht darauf, was „Arbeit“ macht, sondern schaut euch einmal das an, was euch Arbeit einspart. Anstatt mich samstags in die proppe volle Innenstadt zu quälen, um mich neue einzukleiden, kann ich mir sparen. Stattdessen frühstücke ich lange mit Mann und Kindern, arbeite an meinem Hobby, dem Zero Waste Blog und Plane unseren nächsten Ausflug. Wenn ich aufstehe spare ich eine gute halbe Stunde ein, weil ich nicht mehr vor einem vollgepackten Kleiderschrank stehe und mich frage was ich bloß anziehen könnte. Ich suche mir einmal etwas Nettes heraus und trage es dann eine Woche. Gibt es das ungeschrieben Gesetz, man müsse jeden Tag etwas anderes anziehen, überhaupt? Die Auswahl fällt mir auch leichter, da ich rigoros alles aussortiert habe, was ich tendenziell sowieso nicht anziehe. Haare waschen muss ich nur noch alle vier Tage. Duschen tue ich nur jeden zweiten. Der aufwendige Schmink- und Frisierprozess fällt restlos weg. Gute Ernährung ist eben doch die beste Hautpflege. Lange Pendelzeiten zu einem ungeliebten Arbeitgeber gibt es nicht. Ich beschränke mich bei meiner Suche auf eine Entfernung, die ich mit dem Fahrrad leicht erreichen kann. So spare ich mir auch den lästigen Gang ins Fitnessstudio. Fahrrad und Flockenquetsche reichen aus, um mich fit zu halten. Vier Wochen lange Geschenkepanik  vor Weihnachten sind passé. Und all die Sachen, die ich nicht kaufe, muss ich nicht bezahlen und deshalb nicht erwirtschaften. Durch meine drastische Konsumreduzierung war es mir möglich, von jetzt auf gleich meinen Job zu kündigen und eine sechsmonatige Auszeit einzulegen, so viel Geld lag plötzlich auf meinem Konto. Ich wusste gar nicht mehr wohin damit, trotz regelmäßigem Spendenbrief an den Regenwald und einer ausschließlichen Ernährung von biologisch angebauten Lebensmitteln. Diese Zeit habe ich nutzen können, um mich darauf zu besinnen, was mein Leben wirklich wert ist, und wie ich es gestalten möchte. Meine neue Teilzeitstelle reicht aus, um meine Bedürfnisse zu decken. Und plötzlich habe ich genug Zeit und Muße, meinen Tofu selbst herzustellen.

Was mich besonders berührt sind Aussagen wie diese: Was soll der ganze Quatsch, die Industrie macht so viel Dreck und wir alles so viel Müll, die Welt ist sowieso am Ende. Lieber noch mitnehmen was man kriegen kann.

Wenn ich mal wieder zu lange Nachrichten gehört habe, bekomme ich ähnliche Gedanken. Die Menschheit scheint sich mit Freude ihr eigenes Grab zu basteln, jeder denkt nur an sich selbst, so ist zumindest an jeden gedacht. Ist es das überhaupt alles wert? Solche Gedanken sind schmerzhaft und können einen leicht depressiv machen. Für mich selbst habe ich mich entschieden, das Radio häufiger Mal auszuschalten und sich auf die positiven Entwicklungen zu konzentrieren. Über all das schlechte in der Welt zu jammern macht unglücklich. Selbst seinen Beitrag für eine positive Entwicklung zu leisten dagegen erfüllt mit tiefer Freude.

Danke für all eure kritischen Einwände. Sie helfen mir immer wieder deutlich zu machen, dass das genau der richtige Weg ist. Eines möchte ich selbst noch mitgeben, an all diejenigen, die zwar interessiert sind an einem Leben ohne Müll, aber schier überfordert sind, bei all dem Müll: Haltet euch nicht an den Sachen auf, die euch am schwierigsten fallen. Sucht euch raus, was für euch leicht umzusetzen ist. Holt euch erst einmal ein paar Erfolgserlebnisse, bevor ihr die harten Nüsse knackt. Mit sehr wenig Aufwand, kann man schon sehr viel tun.